Wer war der goldene Reiter?

Wer war der „goldene Reiter“?

Ein Mann mit auffälligem Mantel und Kopfbedeckung sitzt hoch zu Ross, Kinder ziehen mit Laternen durch die Dunkelheit. Historische Fotografien aus mehreren Schuljahren zeigen eine heute fast vergessene Tradition der Deutschen Schule Peking. Doch eine Frage bleibt: Wer war der Reiter?

Ein ungewöhnliches Motiv in der Schulchronik

Wer die historischen Fotografien der Deutschen Schule Peking aus den frühen 1980er-Jahren genauer betrachtet, stößt immer wieder auf ein ungewöhnliches Motiv: einen kostümierten Mann auf einem Pferd. Zunächst könnte man vermuten, dass die Aufnahmen zu einem einzigen Schulfest oder Ausflug gehören und später versehentlich verschiedenen Schuljahren zugeordnet wurden. Doch die erhaltenen Bilder erzählen offenbar eine andere Geschichte.

Bereits im Schuljahr 1981/82 zeigen Fotografien einen Reiter und Kinder mit Laternen. Weitere Aufnahmen aus 1983/84 zeigen erneut einen kostümierten Reiter zu Pferd. Und auch für das Schuljahr 1986/87 ist ein solcher Umzug fotografisch dokumentiert. Damit liegt eine andere Erklärung nahe: Die Bilder zeigen offenbar eine wiederkehrende Martinsfeier der Deutschen Schule Peking.

Sankt Martin hoch zu Ross

Die Kombination ist unverkennbar: Pferd, Mantel, Dunkelheit und Kinder mit Laternen gehören zu einer der bekanntesten deutschen Herbsttraditionen.

Am Martinstag ziehen Kinder traditionell mit selbst gebastelten Laternen durch die Straßen und singen Martinslieder. An vielen Orten führt ein als Sankt Martin verkleideter Reiter den Zug auf einem Pferd an.

Genau dieses Bild scheint man Anfang der 1980er-Jahre auch in Peking geschaffen zu haben – tausende Kilometer von Deutschland entfernt.

Für die kleine deutsche Schulgemeinschaft dürfte ein solcher Abend weit mehr gewesen sein als eine gewöhnliche Schulveranstaltung. Deutsche Feste und Bräuche boten gerade im Ausland die Möglichkeit, Kindern Traditionen zu vermitteln, die in ihrem Pekinger Alltag ansonsten kaum sichtbar waren.

Aber woher kam das Pferd?

Aus heutiger Sicht erscheint eine Frage fast ebenso spannend wie die Feier selbst:

Wie organisierte eine kleine deutsche Schule Anfang der 1980er-Jahre in Peking ein Pferd für ihren Martinsumzug?

Die Schule verfügte damals über kein großes eigenes Gelände und befand sich noch im Umfeld des Diplomatencompounds von Jianguomenwai. Ein moderner kommerzieller Reitbetrieb, wie man ihn heute in und um Peking findet, kann nicht ohne Weiteres vorausgesetzt werden.

Unmöglich war es allerdings keineswegs. Der organisierte moderne Pferdesport entwickelte sich in China gerade in dieser Zeit: Die Chinese Equestrian Association war 1979 gegründet worden, China trat 1982 der Fédération Équestre Internationale bei und Mitte der 1980er-Jahre wurden bereits nationale Pferdesportwettbewerbe veranstaltet.

Woher das Pferd der Deutschen Schule tatsächlich kam, lässt sich anhand der bislang bekannten Unterlagen jedoch nicht feststellen.

Vielleicht bestanden Kontakte zu einer chinesischen Einrichtung, vielleicht half jemand aus dem diplomatischen Umfeld – oder ein Mitglied der kleinen deutschen Gemeinschaft wusste schlicht, wo sich in Peking ein geeignetes Pferd organisieren ließ.

Bislang bleibt das ein kleines Rätsel der Schulgeschichte.

Eine Tradition über mehrere Jahre

Besonders bemerkenswert ist, dass der Reiter nicht nur in einem einzigen Schuljahr auftaucht.

Aufnahmen sind mindestens den Schuljahren 1981/82, 1983/84 und 1986/87 zugeordnet. Die Fotografien aus den verschiedenen Jahren sprechen dafür, dass der Martinsumzug nicht nur eine einmalige Idee war, sondern über mehrere Jahre zum Leben der Deutschen Schule Peking gehörte.

Die Bilder zeigen damit etwas, das in einer nüchternen Schulchronik leicht verloren geht: den Alltag und die Gemeinschaft einer damals noch sehr kleinen Auslandsschule.

Es ging nicht nur um Unterricht, Stundenpläne und Schülerzahlen. Man versuchte auch, vertraute Traditionen aus Deutschland nach Peking mitzunehmen – selbst wenn dafür ein Pferd organisiert werden musste.

Wer war der Reiter?

Eine Frage können die Fotografien bislang nicht beantworten:

Wer spielte Sankt Martin?

Auf mehreren frühen Aufnahmen ist ein auffällig kostümierter Reiter zu sehen. Ob in verschiedenen Jahren dieselbe Person die Rolle übernahm, lässt sich anhand der vorhandenen Quellen nicht sicher feststellen. Auch sein Name wird in den bislang bekannten Unterlagen nicht genannt.

Vielleicht war es ein Lehrer. Vielleicht ein Vater aus der Schulgemeinschaft. Vielleicht ein Mitarbeiter der Botschaft oder jemand aus der deutschsprachigen Gemeinde.

Solange keine schriftliche Quelle oder Zeitzeugenerinnerung auftaucht, wäre jede Namensnennung Spekulation.

Gerade deshalb lohnt sich die Frage.

Erinnern Sie sich an Sankt Martin in Peking?

Wer zwischen 1980 und 1987 die Deutsche Schule Peking besuchte, dort unterrichtete oder als Elternteil zur Schulgemeinschaft gehörte, erinnert sich vielleicht noch an diese Abende.

Wer war der Reiter? Woher kam das Pferd? Wo fand der Laternenumzug statt? Wurde Sankt Martin jedes Jahr gefeiert?

Vielleicht existieren noch weitere Fotografien, private Fotoalben oder Erinnerungen an die Martinsfeiern.

Hinweise und persönliche Erinnerungen sind sehr willkommen. Mit ihrer Hilfe lässt sich vielleicht eines Tages auch das kleine Rätsel um den „goldenen Reiter“ der Deutschen Schule Peking lösen.

Diskutiere mit
Erinnerungen, Ergänzungen oder Fragen zu diesem Beitrag?
Zur Diskussion in der Community →