Eine fast vergessene deutsche Schule zwischen Diplomatie, Alltag und Weltpolitik
Fast vier Jahrzehnte lang gab es in Peking eine deutsche Schule, die heute nur noch wenige kennen. Hier lernten die Kinder von Diplomaten, Handelsvertretern und anderen in China eingesetzten DDR-Bürgern – zunächst im alten Gesandtschaftsviertel, später auf dem Botschaftsgelände in Sanlitun.
Ihre Geschichte begann in einer Zeit, in der die Volksrepublik China und die DDR gerade erst gegründet worden waren. Sie führte durch die politischen Spannungen der 1960er-Jahre, durch Kulturrevolution und chinesische Öffnungspolitik – und endete 1990 mit der deutschen Wiedervereinigung.
Ab 1978 existierten in Peking sogar zwei deutsche Schulen gleichzeitig. Nur wenige Kilometer voneinander entfernt besuchten Kinder aus Ost- und Westdeutschland unterschiedliche Schulen in derselben Stadt.
Zwei junge Staaten begegnen sich
Als die Deutsche Demokratische Republik im Oktober 1949 gegründet wurde, existierte auch die Volksrepublik China erst seit wenigen Tagen. Bereits am 25. Oktober 1949 nahmen beide Staaten diplomatische Beziehungen auf.
In den folgenden Jahren kamen DDR-Diplomaten, Handelsvertreter, Journalisten, Fachleute und ihre Familien nach Peking. Mit ihnen kamen Kinder, die während des Auslandsaufenthalts weiterhin nach dem Bildungssystem der DDR unterrichtet werden sollten.
Daraus entstand die Schule bei der Botschaft der DDR in Peking. Das genaue Gründungsdatum ist bislang nicht eindeutig dokumentiert. Sicher ist jedoch, dass die Schule über Jahrzehnte Teil der kleinen DDR-Gemeinschaft in der chinesischen Hauptstadt war.
Eine Schule für die DDR-Gemeinschaft in Peking
Die Botschaftsschule sollte es Kindern entsandter DDR-Bürger ermöglichen, auch in China möglichst eng am Lehrplan ihrer Heimat zu bleiben. Das erleichterte die spätere Rückkehr in das Schulsystem der DDR.
Unterricht und Erziehung waren zugleich Teil des politischen Systems der DDR. Die Pionierorganisation „Ernst Thälmann“, Fahnenappelle und politische Gedenktage gehörten nach Zeitzeugenerinnerungen zum Schulalltag.
Der spätere Journalist und Schriftsteller Peter Sichrovsky besuchte als Kind die DDR-Schule in Peking. Seine Erinnerungen gehören zu den wenigen bislang bekannten persönlichen Beschreibungen des damaligen Schulalltags.
Zwischen sozialistischer Freundschaft und politischer Distanz
In den 1950er-Jahren standen die Beziehungen zunächst im Zeichen der Zugehörigkeit beider Staaten zum sozialistischen Lager. Staatsbesuche und diplomatische Begegnungen sollten die politische Nähe demonstrieren.
Diese Nähe hielt jedoch nicht dauerhaft. Der Konflikt zwischen China und der Sowjetunion belastete seit den 1960er-Jahren auch das Verhältnis zwischen Peking und Ost-Berlin. Die DDR blieb politisch eng an Moskau gebunden.
Gleichzeitig begann 1966 die Kulturrevolution. Wie die Kinder, Lehrkräfte und Familien der DDR-Botschaftsschule diese Jahre konkret erlebten, ist bislang nur in Teilen dokumentiert. Gerade persönliche Erinnerungen könnten hier noch wichtige Lücken schließen.
Vom alten Gesandtschaftsviertel nach Sanlitun
In den 1960er-Jahren befanden sich DDR-Botschaft und Schule noch in Dongjiaominxiang, dem historischen Pekinger Gesandtschaftsviertel östlich des Tian’anmen-Platzes.
Erinnerungen eines ehemaligen Schülers liefern inzwischen einen ungewöhnlich konkreten Einblick: Die Schule befand sich demnach im früheren Klubhaus der historischen deutschen Gesandtschaftsanlage; der Hort war in einem Anbau untergebracht.
1970 erfolgte ein entscheidender Einschnitt. Die DDR-Botschaft zog auf ihr neues Gelände in Sanlitun. Dort erhielt auch die Botschaftsschule ein neues Gebäude.
Zum Schuljahresbeginn arbeiteten dort ein Schulleiter, zwei Lehrerinnen und zwei Erzieherinnen. In den Klassen 1 und 2 wurden 17 Kinder unterrichtet, in den Klassen 3 und 4 weitere 15.
Eine kleine DDR-Welt mitten in Peking
Sanlitun entwickelte sich seit den 1960er-Jahren zu einem der wichtigsten Diplomatenviertel Pekings. Für die entsandten Familien lagen Arbeitsplatz, Wohnung, Botschaft und Schule häufig eng beieinander.
Der Schulalltag spielte sich dennoch keineswegs nur innerhalb des Botschaftsgeländes ab. Zeitzeugen erinnern sich an Ausflüge zur Großen Mauer, zu den Ming-Gräbern und zum Sommerpalast. Sport fand zeitweise auf dem Gelände der sowjetischen Botschaft statt.
Auch Kinder aus anderen sozialistischen Staaten besuchten zeitweise die deutschsprachige Schule. Für ältere Schülerinnen und Schüler spielte außerdem die sowjetische Botschaftsschule eine wichtige Rolle.
Die Verbindung zur sowjetischen Schule
Wegen der geringen Schülerzahlen konnte die DDR-Botschaftsschule nicht dauerhaft alle Klassenstufen selbst anbieten. Für ältere Kinder bestand deshalb zeitweise die Möglichkeit, ihre Schulausbildung an der sowjetischen Botschaftsschule fortzusetzen.
Mitte der 1970er-Jahre konnten Schülerinnen und Schüler wieder in deren internationalen Teil wechseln. Weil dort auf Russisch unterrichtet wurde, erhielten sie zuvor zusätzlichen Russischunterricht an der DDR-Schule.
Die kleine Schule in Peking war damit Teil eines größeren Netzes sozialistischer Auslandsvertretungen – und zugleich unmittelbar von den politischen Beziehungen zwischen China, der Sowjetunion und der DDR abhängig.
Zwei deutsche Schulen in einer Stadt
Am 2. Oktober 1978 begann in Peking eine zweite deutsche Schulgeschichte. Mit fünf Schülern und einem Lehrer nahm die Deutsche Schule Peking ihren Unterricht auf. Aus ihr entwickelte sich später die heutige Deutsche Botschaftsschule Peking.
Damit existierten bis 1990 zwei deutsche Schulen gleichzeitig in derselben Stadt: die Botschaftsschule der DDR und die Schule der westdeutschen Gemeinschaft.
Sie waren keine zwei Abteilungen einer gemeinsamen Schule. Sie hatten unterschiedliche Träger, Lehrpläne und politische Voraussetzungen. Über persönliche Begegnungen zwischen den Familien beider deutscher Gemeinschaften wissen wir dagegen bis heute erstaunlich wenig.
China verändert sich – die Schule bleibt klein
Während China sich unter Deng Xiaoping wirtschaftlich öffnete und Peking sich sichtbar veränderte, blieb die DDR-Gemeinschaft vergleichsweise überschaubar.
Kleine Klassen und teilweise gemeinsam unterrichtete Jahrgänge prägten den Schulalltag. Zeitzeuginnen erinnern sich an nur wenige Kinder pro Klasse.
Gleichzeitig verbesserten sich die offiziellen Beziehungen zwischen der DDR und China wieder. Die Schule blieb jedoch eine Einrichtung für einen begrenzten Kreis entsandter Familien – weit entfernt von der Größe heutiger internationaler Schulen in Peking.
Das Ende einer Schule
1989 wurde für beide Länder zu einem historischen Wendepunkt. Nach der gewaltsamen Beendigung der Protestbewegung in Peking stellte sich die DDR-Führung öffentlich hinter das Vorgehen der chinesischen Regierung.
Nur wenige Monate später geriet die DDR selbst in eine fundamentale politische Krise. Die Friedliche Revolution, der Fall der Berliner Mauer und schließlich die deutsche Wiedervereinigung veränderten auch das Leben der DDR-Familien in Peking.
Mit dem 3. Oktober 1990 endete die Geschichte der eigenständigen DDR-Botschaftsschule.
Nach bisherigen Darstellungen wurden die zuletzt etwa 25 Schülerinnen und Schüler von der Deutschen Botschaftsschule übernommen. Auch Möbel und Unterrichtsmaterialien gelangten teilweise an die andere deutsche Schule.
Wie dieser Übergang konkret verlief, ist noch nicht vollständig rekonstruiert. Gerade Erinnerungen ehemaliger Schüler, Eltern und Lehrkräfte aus den Jahren 1989 und 1990 könnten dieses Kapitel genauer sichtbar machen.
Die DDR und der heutige Standort der DSP
Eine bemerkenswerte Verbindung zwischen beiden Schulgeschichten besteht bis heute. Das Gelände an der Liangmaqiao Lu, auf dem später die heutige Deutsche Botschaftsschule Peking entstand, war ursprünglich für einen Neubau der DDR-Botschaft vorgesehen.
Nach der Wiedervereinigung wurde dieses Vorhaben nicht mehr umgesetzt. Auf einem Teil des Areals entstand später die Deutsche Botschaftsschule.
Die heutige DSP ist deshalb keine Fortsetzung der früheren DDR-Botschaftsschule. Dennoch treffen sich ihre Geschichten auf ungewöhnliche Weise: durch Menschen, möglicherweise übernommene Schulbestände – und schließlich sogar durch das Grundstück.
Vier Jahrzehnte DDR-Schule in Peking
Haben Sie diese Schule erlebt?
Waren Sie Schülerin oder Schüler der DDR-Botschaftsschule? Haben Sie dort unterrichtet oder als Elternteil in Peking gelebt? Wir suchen Erinnerungen, Namen, Fotos und Dokumente, die helfen, diese Geschichte weiter zu rekonstruieren.
Besonders interessant sind Hinweise auf die 1950er- und 1960er-Jahre, den Umzug nach Sanlitun, die Lehrkräfte, den Schulalltag der 1980er-Jahre sowie die Ereignisse rund um 1989 und 1990.
Bildnachweise und Quellen
Die historischen Kontextbilder zeigen nicht die DDR-Botschaftsschule selbst. Sie dokumentieren die politischen Beziehungen zwischen der DDR und der Volksrepublik China beziehungsweise das damalige Umfeld in Sanlitun.
- Walter Heilig: Wilhelm Pieck mit Ji Pengfei, Berlin, 12. Oktober 1950. Bundesarchiv, Bild 183-08268-0004. Lizenz: CC BY-SA 3.0 DE.
- Walter Heilig: Zhou Enlai in Ost-Berlin, 24. Juli 1954. Bundesarchiv, Bild 183-25615-0056. Lizenz: CC BY-SA 3.0 DE.
- Szilas: Construction work in Beijing, Sanlitun, 1983. Wikimedia Commons. Lizenz: CC BY-SA 4.0.
Weitere Grundlage dieser Darstellung sind historische Dokumente, veröffentlichte Quellen und Erinnerungen ehemaliger Schülerinnen und Schüler. Wo Angaben bislang nicht eindeutig belegt sind, wird dies im Text entsprechend berücksichtigt.