Peking 1989: Als die Proteste die Deutsche Schule erreichten
Im Frühjahr 1989 wurde Peking zum Schauplatz einer politischen Krise, die weltweit Aufmerksamkeit erregte. Die Proteste rund um den Tian’anmen-Platz und ihre gewaltsame Niederschlagung Anfang Juni wirkten sich auch unmittelbar auf die Deutsche Schule Peking aus. Unterricht musste abgebrochen werden, Schulwege wurden schwierig und schließlich endete das Schuljahr vorzeitig.
Die Proteste erreichen den Schulalltag
Nach dem Tod des früheren Generalsekretärs Hu Yaobang am 15. April 1989 versammelten sich zunächst Studenten zu Trauerkundgebungen. Innerhalb weniger Wochen entwickelte sich daraus eine große Protestbewegung.
Für die Deutsche Schule waren die Ereignisse auch aufgrund ihres damaligen Standorts unmittelbar spürbar. Sie befand sich noch nicht auf dem heutigen Schulgelände, sondern war im Diplomatenviertel Jianguomen Wai untergebracht. Mit steigenden Schülerzahlen waren dort nach und nach weitere Apartments als Unterrichtsräume angemietet worden.
Die Schule lag damit wesentlich näher am Zentrum Pekings als heute.
Mitte Mai beteiligten sich zeitweise große Menschenmengen an den Demonstrationen. Schließlich wirkten sich die Ereignisse direkt auf den Schulbetrieb aus.
Am 18. Mai wird der Unterricht abgebrochen
Am 18. Mai 1989 musste der Nachmittagsunterricht der Deutschen Schule abgebrochen werden.
Nach einer späteren Darstellung der Schulgeschichte hatten die Demonstrationen auf den Straßen ein solches Ausmaß angenommen, dass nicht mehr sichergestellt werden konnte, dass alle Schüler problemlos nach Hause gelangten. Die Ereignisse spielten sich demnach teilweise in unmittelbarer Umgebung der Schule ab.
Die politische Krise beeinflusste damit unmittelbar Unterricht und Schulwege.
Kriegsrecht – die Schule bleibt zunächst geöffnet
Nur zwei Tage später verschärfte sich die Situation. Am 20. Mai 1989 verhängte die chinesische Regierung das Kriegsrecht über Teile Pekings.
Dies führte offenbar nicht unmittelbar zur Schließung der Deutschen Schule. Einzelne Schulwege konnten nicht mehr wie gewohnt genutzt werden, der Unterricht wurde nach der überlieferten Schulgeschichte jedoch zunächst fortgesetzt.
Wie der Schulalltag unter diesen Bedingungen konkret organisiert wurde, ist bislang kaum dokumentiert. Unklar ist etwa, wie die Kinder zur Schule gelangten, wie vollständig die Klassen noch waren und welche Sicherheitsmaßnahmen getroffen wurden.
Die Nacht vom 3. auf den 4. Juni
In der Nacht vom 3. auf den 4. Juni 1989 rückten Einheiten der Volksbefreiungsarmee in das Zentrum Pekings vor und beendeten die Protestbewegung gewaltsam. Die genaue Zahl der Todesopfer ist bis heute nicht abschließend geklärt.
Für die Deutsche Schule war danach an einen normalen Schulbetrieb nicht mehr zu denken. Die spätere historische Darstellung der Schule berichtet von Schüssen in unmittelbarer Nähe der Schulgebäude.
Damit endete das Schuljahr 1988/89 praktisch von einem Tag auf den anderen.
Zeugnisse werden in der Botschaft hinterlegt
Bereits am 5. Juni 1989 wurden die Zeugnisse vorzeitig ausgestellt und anschließend in der Deutschen Botschaft hinterlegt.
Ein regulärer letzter Schultag fand damit offenbar nicht mehr statt.
Viele ausländische Familien verließen in dieser Zeit Peking oder kehrten nach einem Aufenthalt im Ausland zunächst nicht in die chinesische Hauptstadt zurück. Wie viele Familien der Deutschen Schule davon konkret betroffen waren, ist bislang nicht bekannt.
Im August ist die Zukunft noch unsicher
Einen zeitgenössischen Einblick liefert der Journalist Volker Lippholz. Am 18. August 1989 veröffentlichte die taz seinen Bericht „Genug Waffen für eine Guerilla“.
Lippholz beschreibt eine Stadt, die äußerlich bereits wieder zum Alltag zurückkehrte, in der die Folgen des Juni jedoch weiterhin sichtbar waren. Soldaten standen an wichtigen Straßenkreuzungen, zahlreiche ausländische Familien waren nicht zurückgekehrt und internationale Unternehmen überprüften ihre Präsenz in China.
Auch die Deutsche Schule Peking wird ausdrücklich erwähnt. Ende August sollte der Unterricht wieder beginnen, allerdings rechnete man zu diesem Zeitpunkt noch mit einer erheblich verminderten Schülerzahl.
Die Meldung zeigt, dass im Sommer 1989 keineswegs selbstverständlich war, wie schnell sich das Schulleben wieder normalisieren würde.
Das neue Schuljahr beginnt
Die weitere Entwicklung verlief offenbar besser als zunächst befürchtet. Spätere Darstellungen der Schulgeschichte berichten, dass das neue Schuljahr regulär beginnen konnte und sich auch die Schülerzahlen weiter positiv entwickelten.
Bereits 1990 folgte der nächste große Schritt: Die Deutsche Schule zog aus den angemieteten Apartments in Jianguomen Wai in den Lido-Komplex.
Für diese Phase werden bereits rund 125 Schüler und 15 Lehrkräfte genannt. Nur elf Jahre nach ihrer Gründung hatte die noch junge Schule damit eine der schwersten politischen Krisen in der jüngeren Geschichte Pekings überstanden.
Zeitzeugen und Dokumente gesucht
Über die politischen Ereignisse des Jahres 1989 existiert eine umfangreiche Dokumentation. Über den konkreten Alltag der Schüler, Eltern und Lehrer der Deutschen Schule Peking in diesen Wochen wissen wir dagegen wesentlich weniger.
Von besonderem Interesse sind Erinnerungen an den Abbruch des Unterrichts am 18. Mai, die Schulwege während des Kriegsrechts, die Tage nach dem 4. Juni und den Beginn des neuen Schuljahres im August 1989.
Gesucht werden ehemalige Schüler, Eltern und Lehrer, die diese Zeit an der Deutschen Schule Peking erlebt haben. Ebenso interessant sind Fotos, Elternbriefe, Schulmitteilungen, Zeugnisse, Tagebücher, Schülerzeitungen und andere Dokumente aus dem Schuljahr 1988/89.
Solche persönlichen Quellen könnten helfen, die Ereignisse des Jahres 1989 aus der Perspektive der Deutschen Schule Peking genauer zu rekonstruieren.
