Per Fischer: Als China-Kind zurück nach Peking
Als Per Fischer 1984 sein Amt als deutscher Botschafter in Peking antrat, war die chinesische Hauptstadt für ihn kein unbekannter Ort. Fast sechs Jahrzehnte zuvor hatte er hier einen Teil seiner Kindheit verbracht. Seine Biografie verbindet damit zwei sehr unterschiedliche Epochen deutscher Geschichte in China – und führt zugleich in die Geschichte der früheren deutschen Schulen in Peking und Shanghai.
Kindheit in Peking und Shanghai
Per Fischer wurde am 3. Januar 1923 in Oslo geboren. Sein Vater Martin Fischer war Diplomat und ein erfahrener deutscher Chinafachmann. Ende 1926 kam die Familie nach China. Martin Fischer arbeitete bis 1935 an der deutschen Gesandtschaft in Peking und war 1932/33 außerdem Vorsitzender der Deutschen Evangelischen Kirchengemeinde der Stadt.
Per Fischer verbrachte damit einen großen Teil seiner Kindheit in Peking.
Ob er während dieser Zeit die damalige Deutsche Schule Peking besuchte, ist bislang nicht abschließend geklärt. Ein eindeutiger Nachweis durch eine Schülerliste konnte bisher nicht gefunden werden.
Gesichert ist dagegen seine spätere Schulzeit an der Kaiser-Wilhelm-Schule in Shanghai. Sein Name findet sich in der wissenschaftlichen Dokumentation Deutsche in China 1920–1950 in der Schülerübersicht dieser deutschen Auslandsschule.
Als ehemaligen Schüler der heutigen DSP kann man Fischer daher nicht bezeichnen. Die Deutsche Botschaftsschule Peking wurde erst 1978 gegründet. Seine Biografie gehört vielmehr zur älteren Geschichte deutscher Schulen und der deutschsprachigen Gemeinschaft in China.
Vom China-Kind zum Diplomaten
Auch später beschäftigte sich Fischer intensiv mit China. Er studierte unter anderem Chinesisch, Französisch, Rechtswissenschaft und Zeitungswissenschaft und schloss seine akademische Ausbildung mit einer Promotion ab.
Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitete er zunächst als Journalist, unter anderem für Radio Bremen. Es folgten Tätigkeiten beim Europarat in Straßburg und bei der Westeuropäischen Union in Paris. 1962 trat Fischer in den diplomatischen Dienst der Bundesrepublik Deutschland ein.
Seine Karriere führte ihn unter anderem als Botschafter in den Tschad und von 1974 bis 1977 nach Israel. Außerdem arbeitete er im Auswärtigen Amt, im Bundeskanzleramt und als Ständiger Vertreter Deutschlands beim Büro der Vereinten Nationen in Genf.
1984: Rückkehr nach Peking
Am 29. Oktober 1984 traf Per Fischer erneut in Peking ein. Wenige Tage später übergab er sein Beglaubigungsschreiben und übernahm offiziell das Amt des Botschafters der Bundesrepublik Deutschland in der Volksrepublik China. Seine Amtszeit dauerte bis 1987.
Damit kehrte Fischer als deutscher Botschafter in jene Stadt zurück, in der er Jahrzehnte zuvor als Kind gelebt hatte.
Er sprach Chinesisch und kannte China aus einer Zeit lange vor der Gründung der Volksrepublik. Nun erlebte er das Land während der von Deng Xiaoping eingeleiteten Reform- und Öffnungspolitik.
Auch seine Sprachkenntnisse spielten während seiner Amtszeit eine Rolle. 1986 empfing Fischer Vertreter des Fachverbands Chinesisch in der Botschaft und unterstützte Bestrebungen, den Chinesischunterricht in Deutschland weiterzuentwickeln.
Zu Besuch bei einem späteren Weltkonzern
Ein interessantes Dokument aus Fischers Amtszeit entstand 1986 in Qingdao.
Ein erhaltenes Foto zeigt ihn gemeinsam mit Zhang Ruimin, dem damaligen Leiter einer noch vergleichsweise kleinen Kühlschrankfabrik. Aus diesem Unternehmen entwickelte sich später der international tätige Haushaltsgerätehersteller Haier.
Die Fabrik arbeitete damals mit Technik des deutschen Unternehmens Liebherr. Laut Unternehmenschronik reiste Fischer aus Peking nach Qingdao und besuchte den Betrieb. Auf dem erhaltenen Foto steht Zhang Ruimin links, Fischer rechts – mit anerkennend erhobenem Daumen.
Die Aufnahme dokumentiert damit eine frühe Phase der deutsch-chinesischen Wirtschaftskooperation mit einem Unternehmen, das später zu einem der bekanntesten chinesischen Konzerne werden sollte.
Zwei Epochen deutscher Geschichte in China
Per Fischers Biografie verbindet zwei sehr unterschiedliche Phasen der deutschen Präsenz in China.
Als Kind erlebte er Peking und Shanghai in den 1920er- und 1930er-Jahren. Jahrzehnte später kehrte er als offizieller Vertreter der Bundesrepublik nach Peking zurück.
Nach seiner diplomatischen Laufbahn war Fischer auch als Hochschullehrer an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz tätig. Er starb im Dezember 1999 im Alter von 76 Jahren in Bonn.
Für die Geschichte der deutschen Schulen in China bleibt insbesondere seine eigene Schulzeit interessant. Der Besuch der Kaiser-Wilhelm-Schule in Shanghai ist dokumentiert. Ob Fischer zuvor auch die damalige Deutsche Schule in Peking besuchte, bleibt dagegen eine offene Frage.
Weitere Recherchen und Quellen
Barbara Schmitt-Englert – Deutsche in China 1920–1950
Die wissenschaftliche Dokumentation enthält in der Schülerübersicht der Kaiser-Wilhelm-Schule Shanghai einen Nachweis für Per Fischer.
Fachverband Chinesisch
Dokumentiert ist ein Gespräch von Vertretern des Fachverbands mit Botschafter Per Fischer in Peking im Jahr 1986.
Haier – Unternehmensgeschichte
Die Unternehmensdokumentation enthält Angaben und Bildmaterial zu Fischers Besuch bei Zhang Ruimin in Qingdao 1986.
Deutsche Botschaftsschule Peking – Schulchronik
Die Chronik liefert den schulhistorischen Kontext zu Fischers Amtszeit als Botschafter in Peking.
Eine offene Frage
Für einen Besuch Per Fischers an der damaligen Deutschen Schule in Peking konnte bislang kein eindeutiger Beleg gefunden werden.
Gesichert ist seine Schulzeit an der Kaiser-Wilhelm-Schule in Shanghai. Sollten sich Schülerlisten, Schulunterlagen oder andere Dokumente aus dem Peking der 1920er- und 1930er-Jahre finden, könnte sich möglicherweise auch diese offene Frage noch klären.
